# Kontextinterviews

Zweck
Erfassung von Bedürfnissen, tatsächlichen Arbeitsabläufen und Umgebungsbedingungen
Zeitaufwand
ca. 2 Stunden/Interview + min. 2 PT für Vor- und Nachbereitung
Beteiligte
Interviewer, Interview-Teilnehmer
Erfahrungsstufe
Experte
Zwei Personen beim Kontextinterview

# Zusammenfassung

Kontextinterviews werden üblicherweise am Ort der Interaktion (meistens der Arbeitsplatz) des Benutzers mit dem System durchgeführt und dienen der Erfassung des Nutzungskontextes des Benutzers. Diese Interviewart folgt dem Meister-Schüler-Prinzip. Das heißt der Interviewer sieht sich in der Rolle des Schülers, der vom Interviewten, dem Meister, lernen möchte wie dieser seine Aufgaben bearbeitet.

Kontextinterviews sind semi-strukturierte Interviews. Das heißt, es geht nicht darum, einen festen Plan an Fragen abzuarbeiten, sondern eher darum, eine angenehme Gesprächsatmosphäre zu schaffen, in welcher hauptsächlich der Interviewpartner spricht. Der Interviewer bringt „Leitfragen“ mit, die das Gespräch auf verschiedene Aspekte der Aufgaben lenken sollen. Diese Fragen können und sollen nach jedem Interview überarbeitet werden, wenn sich neue Aspekte ergeben, die genauer untersucht werden sollen.

# Ergebnis

In Kontextinterviews sollen ganzheitliche Informationen erfragt werden. Durch eine geeignete Fragestellung und ausführliche Antworten der Befragten, sollen detaillierte und kontextuell einzuordnende Informationen über die tatsächlichen Arbeitsabläufe und Umgebungsbedingungen gewonnen werden. Die Erkenntnisse werden in Personas, Nutzungsszenarien und Nutzungsanforderungen dokumentiert. Sie sind außerdem die Grundlage für Usability-Tests.

# Vorgehen

# 1. Vorbereitung

Für erfolgreiche Kontextinterviews ist eine sorgfältige Auswahl der Interviewpartner unerlässlich. Idealerweise besitzt der Interviewpartner bereits einige Erfahrung in der Anwendungsdomäne und ist eine eher mitteilungsfreudige Person. Es empfiehlt sich ein Interviewleitfaden mit vorwiegend offenen Fragen zu erstellen. Um Fragen zu erarbeiten, versetze dich in die Rolle des Nutzers und überlege, was ihn beschäftigt. Dieser Leitfaden sollte jedoch nicht zur Steuerung des Interviews dienen (wiederspricht dem Meister-Schüler-Prinzip). Bei der Terminvereinbarung (pro Interview ca. 1,5 - 2 Stunden) sollte auch auf Pausen (ca. 15-30 Minuten) zwischen einzelnen Interviews für den Interviewer geachtet werden, damit dieser seine Notizen ergänzen kann.

# 2. Durchführung

Zu Beginn des Gesprächs ist es wichtig eine angenehme Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Es sollte betont werden, dass es sich keineswegs um eine Prüfungssituation handelt und die Daten natürlich vertraulich behandelt werden. Zur Dokumentation sind Ton-/Foto- und/oder Videoaufnahmen hilfreich. Dabei ist eine Einverständniserklärung notwendig und die Dokumentation darf den Interviewten nicht stören. Während des Gesprächs sollte der Interviewer sich vom Interviewten leiten lassen, ihn nicht unterbrechen aber gezielt nachfragen um alle Aspekte zu erfassen und zu verstehen. Außerdem sollte der Interviewer aufmerksam zuhören und auch nach Hintergründen für die Aussagen fragen.

# 3. Nachbereitung

Nach dem Kontextinterview müssen die Aufzeichnungen ausgewertet und für die Dokumentation aufbereitet werden. Dabei ist es hilfreich die interessantesten Erkenntnisse und Aussagen hervorzuheben.

# Einsatzzeitpunkt

Kontextinterviews eignen sich sehr gut um Nutzer und ihre Bedürfnisse kennenzulernen. Auch ihren Kontext erfährt man hierbei, wodurch sich eine breite Sicht auf den Nutzer und seine Umwelt erschließt.

# Hilfsmittel und Templates

  • Interviewleitfaden mit Interviewfragen und Diskussionsthemen
  • Notizbuch oder Computer
  • Zur Dokumentation: Foto-/Videokamera oder Tonaufnahmegerät
  • Einverständniserklärung

# Vorteile

Es werden die tatsächlichen und nicht die „erwünschten“ Arbeitsabläufe präzise erfasst. Dabei kommen auch alltägliche Schwierigkeiten und Workarounds sowie dem Nutzer unbewusste Aspekte zum Vorschein. Des Weiteren kann bei dieser Methode flexibel auf den Nutzer eingegangen und der Befragungsverlauf angepasst werden. Im Gegensatz zu einem Fragebogen hat der Interviewer die Möglichkeit bei Verständnisschwierigkeiten nachzufragen.

# Nachteile

Das Ergebnis ist abhängig von der Erfahrung und des Geschicks des Interviewers, auch um eine mögliche Beeinflussung auszuschließen. Als weiterer Nachteil ist der hohe Durchführungsaufwand anzusehen.

# Wichtige Hinweise

Die Qualität des Interviews setzt die Auswahl der richtigen Interviewpartner voraus. Wähle hierbei gezielt Nutzer aus dem Mainstream sowie auch "extreme" Nutzer, die besondere Merkmale aufweisen aus. Außerdem ist es wichtig, als neutraler Gesprächspartner aufzutreten und die Themen und Antworten im Interview nicht zu werten.

# Quellen